Geschrieben für die Early Late Night Show am 28. November 2017 im Schlosskeller Darmstadt.

Klabautertaumel

Ins Loch hinab, aller Sinn sinkt um eine Stufe. Da glitzert das Licht. Unten gibt es Arbeit und Konsum. Sie arbeiten, du hast es geschafft. Du nimmst von gutem Tropfen, du benutzt den Takt und stampfst wie er. Du stampfst wie er will, und du darfst. Du lachst, und Pointe um Pointe bringt dich zum Erkennen. Du siehst die Welt und lachst ihr in ihren offenen Leib. Da siehst du die Welt, und wenn du deine Pointe konsumierst, dann bist du gut. Dann bist eins mit der Welt. Denn du gehörst dazu. Unten, wo dir der Sinn wähnt und du deinen Lohn zum Konsum wandelst, bei denen die da arbeiten, zu ihrem Lohn.

Unten umhüllt dich das Gewölbe von Backsteinen in Mauerwerk so dick wie Jonas Wal. Geborgen bist du in dem Speck aus den Jahrhunderten. Geborgen stampft der Takt sich in deine Arme. Und jede zeigt mal, was sie kann. Oder zeigt mal, was sie hat. Es ist Feierabend. Wir feiern Brot und Spiele. Wir fühlen uns wohl. Wir halten uns bei der Stange. Denn The Show Must Go On. The Show Is The Message. Sinn ist Publikum. Für sie sind die Pointen. Euer Stolz ist ihr Spaß. Und darum wird gelacht. Weil hier unten, im Walbauch, zwischen den schwersten Mauern sehen wir die Welt.

Die Backsteine dieser Mauern fliegen nicht. Alle Worte in dem Keller bleiben in dem Keller. Die Wände schlucken das Lachen. Sie schlucken das Bier und den Schweiß und morgen ist ein neuer Tag. Kein Klabautermann versteckt sich in einer Feste Jahrhunderte alt. Geschmiedet aus Steuern, die Hunger brachten über alle. Das hat der Georg erzählt. Die hat der Ludwig gewollt. So hoch er jetzt steht und zum langen Fluß schaut. Cassiopeia hat er nicht gesehen. Und das Lied der Liebe hat Marie nichts genützt. So feiern jetzt alle Gleichen, die gleich sind, weil sie dazu gehören durch Arbeit, Lohn, Konsum.

Die, die nur träumen, sie gehören nicht dazu. Ihr Lohn muss der Lohn der Anderen sein. Diese kämpfen für ihre Arbeit. Im Arbeitskampf halten sie zusammen. Denn wieder andere, die arbeiten, bewegen Menschen wie Sand. Sie schmieden das Gewölbe und darin sitzt nun du und lachst. Und das Licht der Lampe, dafür haben sie gearbeitet und gekämpft. Sie kämpfen mit Trillerpfeifen und Fahnen. Und dabei ist alles schon gemacht. Denn da, wo alle dazugehören durch Arbeit, Lohn, Konsum, wissen sie von Friedrich Glasl wie kalte und warme Konflikte gemanaget werden müssen. Der Arbeitskampf muss sein. Er ist Arbeitskultur. Die Trillerpfeife ist ihr Musikinstrument.

Der Traum ist kein Ding. Kein Auto und kein Haus kann ein Traum sein. Sie sind es, wofür der Rüsselsheimer kämpft. Ein Auto fahren, eine Familie im Auto fahren, das in der Garage steht vom eigenen Haus. Das ist kein Traum. Und doch. Alle können träumen. Und obwohl dir keine Pointe diese Welt jetzt zeigt, ist sie da. Und du blickst nicht in sie hinein, sondern du blickst in deine Träume. Deine Träume finden den Weg in die Sterne, von denen es kalt zurück scheint in dein Gemüt.

Und dann, wenn du wieder arbeitest, denkst du an des Landgrafs Feste und an Jonas Wal. Und du freust dich der Pointen nach, wie du über Treppenwitze lachst, und bist gestärkt. Und dann erinnerst du deinen Traum, der dir geschenkt ward durch dich selbst. Durch dich selbst zerbricht du das Rad aus Arbeit, Lohn, Konsum und räsonierst:

Hörst du, wo kleine Glocken
Hörst du
Unter den Sternen
Wie Eis, ein einzelner Kristall
Glockenklang

Aus der Luft gewogen,
Auf deiner warmen Hornhaut,
Verschlossen ist dein Auge nicht,
Schmilzt Eis von weniger als einem Tropfen Himmelwasser.
Dein Lid blieb stumm.
Hinein ließ’t du das feste Nass.
Und das Licht der Sonne
malt alle Farben kalt.

Im Reigen um dich deine Freunde.
Augenpaar um Augenpaar,
Wort um Wort
zur Wärme gedacht, geschimpft, gelacht, gemacht.

Hörst du,
noch ein Mal
dieses lied
Geben Kinder hin
auf anderes,
nur anderes,
endlich anderes.